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marc schürmann

 

Süddeutsche Zeitung Magazin vom 9. Januar 2004, ausgezeichnet mit dem Ludwig-Bölkow-Journalistenpreis 2004

Die halten ewig: Autos auf dem Mond

von Marc Schürmann

 

Wenn Saverio Morea, genannt „Sonny“, mit seinen 71 Jahren noch die Chance bekommen sollte, auf den Mond zu fliegen, wird er daran denken, ein paar frische Silber-Zink-Batterien mitzunehmen. Er wird eine Karte dabeihaben, die ihm den Weg zu den drei Parkplätzen weist. Sie liegen in Hadley-Apennines, Descartes und Taurus-Littrow. Dort wird er die Batterien in die Autos stecken. Wenn die Dinger immer noch so robust sind wie damals, werden sie laufen, vielleicht etwas bockig, aber sie werden laufen, und Sonny wird mit den Autos ein paar Runden drehen, mal sehen, vielleicht eine Spazierfahrt durch das Mare Tranquilium?

Auf seine Mondautos ist Sonny Morea verdammt stolz, heute noch, denn im Grunde war es unmöglich, sie fertig zu bringen. Der erste Mann auf dem Mond hatte seine großen Schritte für die Menschheit noch nicht getan, da wusste die NASA schon, dass sie mit ihnen nicht zufrieden sein würde. Denn Armstrongs Schritte von 1969 waren nur Schritte, zaghaft und wie in Zeitlupe, also kamen die ersten Menschen auf dem Mond kaum vom Fleck. Aber was hat man von der schönsten Schatzkammer, wenn man darin nur ein paar Goldstückchen zu sehen kriegt? Oder wie es die NASA in einem Bericht ausdrückt: Stellen Sie sich vor, Sie gewinnen eine Komplettreise nach New York City, aber die Reise ist so kurz, dass Sie bloß ein bisschen durch den Central Park spazieren können.

Um mehr vom Mond zu haben, musste ein Fahrzeug her: eines, das die Astronauten späterer Missionen über viel größere Flächen tragen würde. Denn die NASA wollte mehr Gestein sammeln, mehr Bodenproben nehmen, mehr Landschaften fotografieren. Den Auftrag für dieses Fahrzeug erteilte die NASA am 27. Mai 1969, zwei Monate vor der Landung von Armstrongs Apollo 11. Boeing bekam im Oktober den Zuschlag als wichtigster Kooperationspartner, General Motors war für den Antrieb und das Steuerungssystem zuständig. Zum Chefentwickler wurde Sonny Morea bestimmt, zuvor verantwortlich für die F-1-Motoren der Startrakete. Morea hatte 17½ Monate Zeit – üblich waren viereinhalb bis sechs Jahre für Ausrüstungsteile von Apollo. „Es war eine unglaubliche Herausforderung“, erzählt Sonny Morea. „In so einer kurzen Zeit war noch nie eine große Entwicklung unternommen worden. Selbst normale Autos auf der Erde werden in viel längerer Zeit entwickelt.“

Einer der Gründe für die knappe Frist war, dass sich die NASA erst spät für den Lunar Rover als Fahrzeugtypen entschieden hatte. Manche Ingenieure hätten die Astronauten lieber mit Jet Packs ausgerüstet – man könnte sagen: mit düsenbetriebenen Rucksäcken. Die Astronauten wären dann nicht über den Mond gefahren, sondern geflogen. Eine andere Idee zur Fortbewegung waren Pogo Sticks: Stelzen mit Sprungfedern, wie es sie im Spielzeugladen gibt.

Genau das mussten die Köpfe der Entwickler sein: Spielzeugläden. Auch als die Form eines Mondautos feststand, hatten Morea und seine Mitarbeiter noch reichlich Phantasie hineinzugießen. Was für ein Auto braucht man auf dem Mond? Wie soll man es steuern? Wie viel muss es tragen? Wie groß, wie breit, wie schwer darf es sein? Wird es aussehen wie ein Gabelstapler? Oder eher wie ein Go-Kart?

Sicher war: Ein Straßenauto wie der weiße Cadillac, den Morea damals fuhr und liebte, war undenkbar. Auch wenn die Schwerkraft auf dem Mond nur ein Sechstel derer auf der Erde beträgt, wäre ein herkömmliches Auto viel zu schwer und zu sperrig gewesen. Jedes Gramm und jeder Kubikzentimeter kosten wertvolles Benzin beim Transport zum Mond – und damit wiederum zusätzliches Gewicht. Das Mondfahrzeug musste zudem extreme Temperaturen von minus 156 bis plus 121 Grad Celsius aushalten. Es brauchte mehrere Steuerungsmechanismen für den Fall, dass einer ausfällt. Und natürlich mussten Extras ans Mondfahrzeug: Kameras, Antennen, Navigationssystem, Bohrer. Alles klein, leicht und widerstandsfähig.

Die Lösung des Platzproblems war rasch gefunden: Der Lunar Rover musste faltbar sein, zu verstauen auf 1,125 Quadratmetern. „Autos ausgeklappt haben wir ja schon als Kinder“, sagt Morea. Anhand dieser Vorgabe tüftelten die Entwickler weiter. Design, Bau und Test liefen parallel, mitunter Nächte hindurch – und trotzdem kam das Projekt in Verzug. Einmal hinkten die Entwickler ihrem Zeitplan um zwei Monate hinterher. Die NASA stellte klar, dass Apollo 15 notfalls ohne Lunar Rover starten würde. Das war den ehrgeizigen Entwicklern Drohung genug. Boeing stellte mehr Leute ein, zahlte bei den Überstunden drauf und brachte das Mondauto allmählich wieder auf Plan.

Die technische Zeichnung des fertigen Lunar Rovers sieht aus, als wäre sie von Daniel Düsentrieb geklaut, dem blitzgescheiten Erfinder aus den Donald-Duck-Comics: Der ausgeklappte Rover wirkt wie eine hochfrisierte Seifenkiste für zwei Passagiere, die Sitze wie Gartenstühle, die Antenne wie ein umgestülpter Regenschirm, vier Räder, die Reifen aus mit Titan verstärkten Klaviersaiten, Allradantrieb, keine Gänge, an jedem Rad ein Elektromotor mit je 0,25 PS. Der Lunar Rover hatte einen winzigen Wendekreis, er konnte 30 Zentimeter hohe Hindernisse überwinden und an Steilhängen mit einer Neigung von bis zu 35 Grad parken. Die Maße des Mondautos: 3,10 Meter lang, 1,83 Meter breit, Gewicht: 210 Kilo. Mehr als das Doppelte davon konnte der Rover tragen – auf dem Mond. Auf der Erde wäre der Aluminium-Rahmen wegen der größeren Schwerkraft unter dem Gewicht eines Astronauten zusammengebrochen.

Nach den ersten Planungen war der Lunar Rover also perfekt den Bedingungen des Mondes angepasst. Aber wie wollte man ihn testen? Besonders das Navigationssystem musste sich vor dem Ernstfall bewähren. Denn auf dem Mond konnten jederzeit Felsen und Hügel die Sicht zwischen Lunar Rover und Landefähre verstellen, und ein Kompass ist nutzlos, weil der Mond kein Magnetfeld hat. Also setzten sich Testpiloten in der Wüste von Arizona in einen Geländewagen mit abgedeckten Frontscheiben und machten Probefahrten nach Karte und Monitor. Messgeräte am Rad gaben Geschwindigkeit und Entfernung weiter – an jedem Rad einzeln, zur Sicherheit, falls eines im Mondstaub durchdreht und irreführende Daten sendet. Um die geringere Schwerkraft auf dem Mond nachzuahmen, flog ein KC-135-Jet mit einem Lunar Rover an Bord in parabelförmigen Bögen durch die Luft, während die Astronauten versuchten, möglichst rasch in das Mondauto und wieder heraus zu klettern. Acht Lunar Rovers wurden allein für Testzwecke gebaut.

1971 näherte sich das Projekt dem Ende, schließlich war der Lunar Rover sogar drei Wochen vor Fristende fertig: am 10. März 1971. Dafür hatte er allerdings mit 38,1 Millionen Dollar mehr als doppelt so viel gekostet wie vorgesehen. Ein Wettrennen haben die Amerikaner aber trotz größter Eile verloren: Die ersten Räder auf dem Mond gehörten einem sowjetischen Fahrzeug, dem Lunokhod 1. Das sah aus wie ein Badezuber mit Rädern und kurvte im November 1970 über den Mond – allerdings ferngesteuert und unbemannt.

Am 30. Juli 1971 landete Apollo 15 am Rande des Mare Imbrium, an Bord die Astronauten David Scott, James Irwin und Alfred Worden – und das erste bemannte Mondauto der Geschichte. Für ihre erste Tour machten die Astronauten den Rover innerhalb von 26 Minuten fahrbereit. Bestens. Dann allerdings begann Sonny Morea, der von der Erde aus zusah, sich große Sorgen zu machen. Denn der Rover schien zu streiken: Die Frontsteuerung war kaputt. Irwin und Scott versuchten, allein über die Steuerung der Hinterräder vorwärts zu kommen. Das klappte. Das Mondauto kurvte mit rund acht Stundenkilometern über eine Landschaft, die so hügelig war, „dass man kaum über die Augenbrauen gucken kann“, wie Scott bemerkte. Aber zum Glück bestehe ja keine Gefahr, in irgendwelchen Gegenverkehr zu geraten. Der Mondstaub machte dem Rover weniger Schwierigkeiten als befürchtet – statt darin zu versinken, hinterließen die Reifen nur eine dünne Spur. Dafür hoben ein paar Mal alle vier Räder vom Boden ab. Die Jungfernfahrt wurde vom Fernsehen übertragen, untermalt von fröhlicher Country-Musik und dem Gespräch der beiden Astronauten. „Das ist eine tolle Art zu reisen“, sagte Scott, „großartig, leicht zu fahren – überhaupt keine Probleme.“ Sein Beifahrer war etwas skeptischer: „Eine Mischung aus einem bockigen Pferd und einem Ruderboot auf rauer See“, befand Irwin. „Aber ein toller Sport.“ Rund drei Kilometer von der Landefähre hielten die Astronauten an und stopften die Taschen voll mit Steinen und Erde. Nach zwei Stunden kehrten sie zur Fähre zurück.

Vor der zweiten Fahrt hantierten die Astronauten noch einmal an der defekten Frontsteuerung herum – und mit einem Mal funktionierte sie. Den Scherz, den Scott daraufhin machte, zitiert Morea noch heute gern: „Wisst ihr, was ich glaube? Ihr habt ein paar Jungs von Marshall letzte Nacht hier raufgeschickt, um das Ding zu reparieren, oder?“

Scott und Irwin unternahmen 1971 noch zwei weitere Erkundungsfahrten. In insgesamt drei Stunden und drei Minuten Stop and Go kamen sie 25 Kilometer weit – das von ihnen erschlossene Terrain war damit viermal größer als bei den Apollo-Missionen 11 bis 14 zusammen. Dabei sammelten Scott und Irwin 77 Kilo Gesteinsproben. Die vorherigen drei Missionen waren zusammen auf 98 Kilo gekommen. Und alle liebten den Lunar Rover: „Besser kann man ihn nicht bauen“, lobte Astronaut Scott.

Auch Apollo 16 und 17 setzten das Mondauto eifrig ein. Insgesamt erbrachten die Lunar Rover 214 gefahrene Kilometer in 22 Stunden, 289 Kilo Gesteinsproben und 2100 Fotos. Mit Apollo 17 im Dezember 1972 endeten die bemannten Flüge zum Mond und damit auch der Dienst der Lunar Rover. Jetzt stehen sie dort, wo die Astronauten sie jeweils geparkt haben: verlassen auf dem Mond.

Aber der Wissenschaft dient der Lunar Rover weiter: als Stammvater heutiger Erkundungsfahrzeuge. Das Robotics Institute der Carnegie Mellon University in Pittsburgh hat sich zum Beispiel die Räderkonstruktion abgeschaut. Die Forscher setzen verwandte Rover etwa in Chile ein, um in der Wüste von Atacama nach Lebensformen zu fahnden. Auch der Mars-Rover der NASA, der zum Jahreswechsel 2003/2004 landen soll, ist ein Enkel des legendären Mondautos.

Sonny Morea muss allerdings zugeben: Er hat doch so seine Zweifel, dass man die drei Lunar Rover noch fahren könnte. „Die ständige Strahlung aus dem All könnte die Elektronik lahmgelegt haben, das ginge also nicht so leicht.“ Aber man könnte die Mondautos ohne weiteres zusammenfalten und zur Erde bringen. Wenn die NASA das für ihn machen würde, sagt Sonny Morea, „dann wäre ich ihr sehr dankbar“.

 

 

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