<< Home

marc schürmann

 

GEO Special Norwegen, Juni/Juli 2003

Ein Volk auf dem Holzweg: Holzarchitektur in Norwegen

von Marc Schürmann

 

Wären der Norweger und das Holz ein altes Ehepaar, sie säßen am Kamin, würden dicke Strümpfe stricken und den Kindern mit mildem Lächeln ihre Geschichte erzählen. Es ist eine romantische Geschichte, eine Sandkastenliebe und eine ewige. Der Norweger kann ohne das Holz nicht leben, auch ist er ihm ähnlich geworden in den Jahrhunderten, zäh und stur, stark und gesund, langsam und leise. Und wie das Holz kommt er aus dem Wald.

Die Hauptstadt Oslo hat ungefähr so viele Einwohner wie Hannover. Die zweitgrößte Stadt, Bergen, liegt in etwa mit Hagen gleich. Aber schon Bergen ist keine Stadt mehr, eher ein Feriendorf in schöner Landschaft. Die meisten der 4,3 Millionen Norweger sind Naturkinder, sie kennen den würzigen Geruch eines Baumes, seine raue Oberfläche, sein sanftes Ächzen im Wind. Nichts lieben die Norweger mehr als ihre Ausflüge in die Berge, in die Wälder, tagelang, wochenlang, und eine norwegische Familie ohne eigene kleine Sommerhütte auf eigenem Grundstück, von nichts umgeben als ein paar Kiefern, ist keine norwegische Familie. Die Hütte muss einsam in der Landschaft stehen, denn der Lieblingsabstand eines Norwegers zum nächsten beträgt einen Fjord. Ein Norweger ist stolz und furchtlos, nur eines macht ihm Angst: dass ihm ein böser Troll begegnet und der ihn isst. Trolle sind bemerkenswert hässliche Wesen mit Knollennasen und riesigen Füßen, sie sind die wichtigsten Sagenfiguren der Norweger, und sie leben im Wald.

Wenn die Norweger ihre Häuser also aus Holz bauen, dann ist das eine Liebeserklärung. In Norwegen ist Holz nicht bloß Nutzmaterial, sondern obendrein Kulturgut und Wesenszug, eine in Form gehauene Nationalhymne. Holzbau ist für Norweger so etwas wie Iglubau für den Eskimo. Am Anfang war die Sandkastenliebe vielleicht noch etwas gezwungen, denn der Norweger lebte im Wald, er hatte nichts als das Holz. Außerdem ist es in Norwegen kalt, und Holz kann Wärme gut im Haus halten. Aber es wurde eine tiefe Beziehung daraus. Das Wort „tre“ bedeutet zugleich „Baum“ und „Holz“: Das Holz hat immer dieselbe Persönlichkeit, ob im Wald oder in der Wand.

Zwar haben die Norweger den Holzbau nicht erfunden – früher bauten die meisten Kulturen Holzhäuser, haben aber im Laufe der Zeit bemerkt, dass man auch unter Stahl, Beton und Glas leben kann. Die Norweger haben das zur Kenntnis genommen, bauen aber immer noch mit Holz. Vier von fünf norwegischen Häusern haben eine Rahmenkonstruktion aus Holz. Die Statistik kommt besonders daher, dass vier von fünf norwegischen Gebäuden Einfamilienhäuser sind – und die sind fast alle aus Holz. Die meisten der schönsten Bauwerke in Norwegen aber auch: die Olympiahalle in Hamar, die Stabkirche von Borgund, die Handelshäuser in Bergen. Das wohl hässlichste Bauwerk des Landes, das klotzige Rathaus von Oslo, ist aus Stein. Manchmal scheint es, als sei ein Haus ohne Holzwände nur ein dummes Versehen: Das Studentenwohnheim „Fantoft“ in Bergen zum Beispiel besteht aus mausgrauen Betonquadern, trostlos wie der Randbezirk einer verlassenen Sowjetstadt; aber innen: alles aus Holz und warm, charmant, natürlich.

Die Altmeister des Holzbaus sind die Wikinger, die Topstars der norwegischen Kulturgeschichte. Ihre Schiffe waren so robust gebaut, zugleich aber so elegant und präzise, dass sie noch heutige Architekten beeindrucken und beeinflussen. Die Eislaufhalle in Hamar, vom Architekten Niels Torp entworfen für die Olympischen Winterspiele von 1994, ist eine 250 Meter lange Kopie eines solchen Wikingerschiffs und heißt auch so: „Vikingskipet“. Kein anderes Gebäude auf der Welt hat eine solche Spannweite mit Leimholzträgern geschafft.

Die nächsten großen Erbstücke des norwegischen Holzbaus sind die Stabkirchen. Im Mittelalter – um das 12. und 13. Jahrhundert – entstanden davon ungefähr tausend. Erhalten sind nur noch 28. Von außen wirken Stabkirchen asiatisch und von innen deprimierend: Man könnte auf den ersten Blick meinen, man sei in China, wenn man den luftigen Körper, die abgestuften Dächer und die kitschigen Drachenornamente mancher Stabkirche sieht. Innen sieht man dagegen wenig: Die einzigen Lichtquellen sind Kerzen und kleine Gucklöcher unter dem Dach. Es ist wie im Leib eines mächtigen Baumstammes. Wer Gott fürchten sollte, war in so einer düsteren Stabkirche gut aufgehoben.

Allerdings stammen die Stabkirchen aus der Zeit, als Gott noch in Konkurrenz zur heidnischen Mythologie der Wikinger stand. Daher waren in manche Kirchen noch Symbole wie Thors Hammer geschnitzt. Und auch die Drachenköpfe waren den Wikingerschiffen abgeschaut.

Der architektonische Kniff der Stabkirchen steckt im Namen: Die Wände bestehen aus aufrecht stehenden Pfählen oder Masten, am Fuß stabil gehalten vom Rahmenwerk und am Kopf von Dachbalken. Um diese Konstruktion herum steht ein Mantel aus senkrechten Wandbrettern. Zu den größten und prunkvollsten Stabkirchen gehören die von Borgund und Lom, beide rund 800 Jahre alt. Das Dach der Kirche von Borgund staffelt sich über drei Stufen. Die Statik einer Stabkirche ist so nachgiebig, dass sich die Kirche im Wind zu neigen scheint – fast wie ein Wikingerschiff. Und auch die Wohnhäuser der Wikinger waren Stabbauten. Archäologen haben die Reste von bis zu 90 Meter langen Häusern aus stehenden Pfosten gefunden.

Die alten Schiffe und Kirchen sind die architektonischen Vorbilder, auf die Norwegen besonders stolz ist. Genauso bekannt ist von den Postkarten das bauliche Gegenstück der Stabkirchen: das Blockhaus. Das Prinzip ist hier die Horizontale: Man legt Balken bis zum Dach herauf seitlich aufeinander. Der Vorteil ist, dass die Wände ziemlich dicht gegen den Wind sind, weil sich die Zwischenräume durch das Gewicht des Holzes von selbst schließen – anders als bei den vertikal aufgerichteten Pfosten, die noch sorgfältig gedämmt werden müssen. Der Nachteil der Blockhäuser ist aber, dass die liegenden Stämme bei Feuchtigkeit leicht faulen. Deswegen gibt es viele Blockhäuser im Landesinneren, wo das Klima trocken ist, aber nur wenige an den Küsten. (Und wie das Klima dort ist, beschreibt dieser norwegische Witz: Ein Tourist fragt nach zwei Wochen Regen ein Kind auf der Straße, wie lange das Wetter eigentlich schon so schlecht sei. Darauf das Kind: „Wie soll ich das wissen? Ich bin doch erst zehn.“)

Die alten Norweger haben das Holz in ihrer Ehe gut kennen gelernt, mit allen Macken und Launen. Um besonders hochwertiges Holz zu bekommen, schnitt man den Bäumen ihre Äste und Krone ab. So ließ man die Bäume über Jahre oder Jahrzehnte stehen. In dieser Zeit bluteten die Bäume gewissermaßen aus: Das Harz trieb aufwärts, und dadurch waren die Bretter des Stammes weder klebrig noch rissig.

Außerdem war Holz immer leicht zu beschaffen – noch heute bestehen 22 Prozent der norwegischen Landesfläche aus Nutzwald – und leicht zu bearbeiten. Das war auch in Ländern so, in denen Holz hart mit Stein konkurrierte. Stein war als das Baumaterial der Reichen. Aber in Norwegen waren die Klassenunterschiede sanfter: „Norwegen hatte nicht diesen großen Abstand zwischen einer privilegierten Schicht, die mit Stein baute, und einer Allgemeinheit, die mit Holz baute“, meint die Osloer Kunsthistorikerin Anne Grete Ljøsne. „Über Jahrhunderte war Holz das Baumaterial genauso für Könige wie für Bürger und Bauern.“ Wo kaum herrschaftliche Schlösser aus Stein stehen, kann die Massenware Holz auch nicht in gesellschaftlichen Verruf geraten. Als reich galt, wer einen Balken aus einem besonders dicken Baumstamm hatte.

Mit der Zeit wurde die Beziehung der Norweger zum Holz zur Routine, sie kamen gut miteinander aus und kannten sich auswendig, aber die Leidenschaft kam erst im 19. Jahrhundert zurück. Das lag an einem neuen nationalen Bewusstsein. Norwegen stand von 1387 bis 1814 unter dänischer, von 1814 bis 1905 unter schwedischer Herrschaft. Seit 1814 hatte das Land aber immerhin eine eigene Verfassung, und die Norweger fingen an sich zu fragen, was eigentlich norwegisch sei. In dieser Zeit entstand das Nynorsk, eine Art Eintopf aus verschiedenen Dialekten, als patriotisches Gegenstück zum Bokmål, das an die dänische Schriftsprache angelehnt ist. Auch in der Architektur wollten die Norweger möglichst unterscheidbar sein. Holz hatten sie ja seit den Wikingern schon genutzt, ihren stolzen Vorvätern, und so wurde Holzbau ein Statement, ein Bekenntnis zum Norwegertum.

Das reichte aber noch nicht ganz, denn Holzhäuser gab es ja auch woanders. Die Lösung der Identitätsfrage lag ironischerweise in einem Import. Im 19. Jahrhundert mussten angehende Architekten aus Norwegen noch ins Ausland ziehen, weil es in der Heimat für sie keine Ausbildung gab. Daher war die architektonische Kultur noch durchlässig für fremde Einflüsse. Der Architekt des königlichen Schlosses in Oslo, H.D.F. Linstow, brachte 1837 von einer Reise den Schweizerstil mit und baute die zwei Wachhäuser neben dem Schloss nach diesem Muster. Der Schweizerstil bezeichnete das, was man sich damals unter einem Schweizer Bauernhaus vorstellte: horizontale Struktur, flache Dächer, ein paar hübsche Balkone an den Außenwänden und jede Menge Verzierungen. „Das war damals ein Retro-Stil“, erklärt Christoph Affentranger, Schweizer Architekt und Autor eines Buches über skandinavische Holzarchitektur. „Die Reichen und Fürsten haben das lustig gefunden, sich in ihren Garten ein Schweizer Bauernhaus zu bauen.“ Die Norweger aber meinten es ernst und bauten eine Reihe neuer Bahnhofsgebäude im Schweizerstil. Der verbreitete sich rasch und weit genug über das Land, um bis heute als typisch norwegisch zu gelten. Zu einem echten Heimatprodukt wurde der Schweizerstil aber erst, als die Norweger ein paar Drachen-Ornamente an die Giebelpunkte setzten, ähnlich wie bei den Stabkirchen und Wikingerschiffen. Diese Mischung aus Import und Wikinger-Revival nannte sich Drachenstil. Den gibt es nur in Norwegen. Das bedeutendste Gebäude des Drachenstils ist wohl das Restaurant Frogneseteren in Oslo, 1890 erbaut vom bedeutendsten Architekten des Drachenstils, Holm Munthe.

Allerdings taugen so verspielte und aufwändige Bauwerke nicht zum Fließband. Das gilt in Zeiten, in denen sehr schnell sehr viele Häuser her mussten, etwa in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Das gilt aber auch heute: Die Massenarchitektur in Norwegen beherrscht der schlichte Ständerbau mit Wandkonstruktionen aus stehenden Balken. Das liegt an Geld und Zeit, aber auch daran, dass die meisten Norweger nicht gern aus der Menge herausstechen.

Trotzdem haben die letzten Jahrzehnte einige neue, große Ideen gebracht. Zum Beispiel, als sich die Liebe der Norweger zum Holz mit einem neuen Respekt vor der Landschaft verschwisterte: Der Architekt Knut Knutsen begründete 1949 mit seinem eigenen Sommerhaus in Portør einen Stil der Unterordnung, des Bauens in die Landschaft hinein statt auf die Landschaft hinauf. Sein Sommerhaus sieht man erst aus der Nähe, weil es in der Umgebung verschwindet wie ein ausgekippter Eimer Wasser. Knutsen fand, das perfekte Haus sei nur so groß wie nötig, aber so unauffällig wie möglich, flexibel und sparsam an Energie. Knutsen war 1961 der erste Träger des „Treprisen“, des „Holzpreises“ für besondere Leistungen im Holzbau – bis heute eine der renommiertesten Auszeichnungen für norwegische Architekten.

Knutsens intelligente, demütige Architektur hat viele Architekten inspiriert, ist aber nie zur Regel geworden. Das gewöhnliche Norwegerhaus steht einfach auf dem Boden, und wenn es sich in die Landschaft einfügt, dann nur, weil ein paar der vielen norwegischen Bäume drumherum stehen. Der aktuelle Träger des „Treprisen“, Carl-Viggo Hølmebakk, findet norwegische Holzhäuser im Allgemeinen „vollkommen hoffnungslos“, weil die Leute „Holz nur aus Gewohnheit nutzen, ohne noch einen Bezug dazu zu haben“.

Hat die alte Ehe zwischen dem Norweger und dem Holz also Risse bekommen? Ist Holz austauschbar geworden? Flirtet der Norweger am Ende sogar mit Beton oder Stahl?

Das könnte er nie. Holzbau gilt als landestypisch – und etwas Landestypisches zu haben und zu sein, ist den Norwegern in ihrem jungen Nationalstolz immer noch sehr wichtig. Aus denselben Gründen malen die Norweger ihre Häuser auch so gern an. Allerdings sind auch manche Häuserfarben in Wahrheit bloß importiert: Das Rot sollte früher an den holländischen Backsteinbau erinnern, und das Gelb sollte aussehen wie Sandstein nach französischem Vorbild.

Außerdem hat die Kumpanei der Holzarchitektur mit dem Massenbedarf auch ihre Vorzüge. Hätte die Holzindustrie nicht einen so starken Leim entwickelt, um leichter und schneller immer mehr Holzteile und Fertiglösungen zu verkaufen – es gäbe jene gigantische Eislaufhalle von Hamar nicht. Mit diesem Holzmonument haben die Norweger zu den Olympischen Spielen von 1994 ihre Wikinger auferweckt, und die Welt schaute zu. Oder das Terminal des Flughafens von Gardermoen, Oslo (eingeweiht 1998), das zunächst als Stahlkonstruktion geplant war, nach dem Willen der Politiker aber als Holzbau umgesetzt wurde. Denn wenn die Welt nicht nur zuschaut, sondern auch einreist, soll sie sofort Holz sehen.

Oder die Lastwagengarage von Rolvsøy, südlich von Oslo an der Grenze zu Schweden, ein Holztrumm von 1989: elliptisch, 15 Meter tief, neun Meter hoch und Parkplatz eines 42 Tonnen schweren Gabelstaplers. Oder die Fußgängerbrücke von Ås, als Steinkonstruktion entworfen von Leonardo da Vinci, als Holzkonstruktion mit drei verleimten Holzbögen im vergangenen Jahr errichtet, Spannweite: 45 Meter.

Sehen, was für Konstruktionen noch machbar sind, die Möglichkeiten des Holzes ausreizen, einen neuen Ton von Architektur in der Landschaft finden – das kennzeichnet die die vergangenen Jahrzehnte norwegischer Holzarchitektur. Aber nur in der ambitionierten Architektur, der hoch bezahlten Baukunst. Die Masse hält sich an das Fast Food der Architektur: Fertighäuser. Man kann zwischen einer Reihe verschiedener Stilrichtungen wählen, romantisch, klassisch, Schweizerstil. Die Häuser tragen Namen wie aus einem Ikea-Katalog: Ala, Børingen, Elvemo. Experimente gibt auf diesem großen Markt keine, also sehen alle Häuser gleich aus, beklagt Carl-Viggo Hølmebakk.

Andererseits: Schon die Stabkirchen waren so etwas wie Fertigbauten auf Bestellung. Die Norweger des Mittelalters hätten niemals so viele Kirchen errichten können, hätten sie nicht nach einer klaren Vorlage gearbeitet und eine zentrale Verwaltung mit wandernden Handwerkern unterhalten. Und was das innige Verhältnis der Norweger zum Holz angeht, so spricht der Erfolg der Fertighäuser nur dafür: Jeder will ein Holzhaus, auch wenn er sich nicht das Honorar für einen Hølmebakk leisten kann.

Die Holzindustrie ist allerdings immer noch nicht zufrieden. Sie will, in bester norwegischer Tradition, den Holzbau zu Ende denken. Deswegen greift Holz jetzt auch die Nische der Beton- und Stahlarchitektur an: das mehrstöckige Haus bis vier Etagen. Die Holzlobby der skandinavischen Länder hat mehrere Projekte betrieben, um zu beweisen, dass Holz den besten Lärmschutz und die beste Wärmedämmung bietet – und sogar dem Feuer länger standhält als Stahl. Wenn die Norweger das auch glauben, kann die alte Jugendliebe mit dem Holz noch einmal aufregend werden, fast wie beim ersten Treffen, ganz früher, im Wald.

 

zurück