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marc schürmann

 

P.M. Perspektive, Heft 3/2003

Ist der Mensch ein Meisterwerk? Von den Schlampereien der Evolution

von Marc Schürmann

 

„Würden Sie denn sagen, Herr Putz, dass der Mensch perfekt gebau–“

„Selbstverständlich.“ Die Antwort schneidet die Frage ab. Für Reinhard Putz ist das überhaupt keine Frage: Der Menschenkörper ist ein Wunderwerk der Natur, ideal, makellos – „es geht nicht besser“. Wie kann man daran zweifeln?

Wenn man nicht Anatomieprofessor ist wie Herr Putz, Universität München, wenn man nicht so ein leidenschaftlicher Bewunderer ist von Skeletten und Gelenken und Knorpeln, mag man finden, der Körper sei im Gegenteil eine Mottenkiste und eine rostige dazu. Was schleppen wir nicht alles mit uns herum, was kein Mensch braucht: Blinddärme, Steißbeine, Ohrenmuskeln, Haare, Mandeln – überflüssig! Und was wimmern wir nicht ständig unter der Hinfälligkeit unserer Scharniere: Knie kaputt, Rücken krumm, Füße platt – Pfusch! Hat die Evolution uns vergessen?

Reinhard Putz besteht darauf, die Evolution sei wach. Und sie leiste brillante Arbeit.

Entrümpeln wir zunächst die Mottenkiste – das heißt: Lassen wir das lieber. Denn das, was wir für Gerümpel halten, brauchen wir noch dringend. Wäre es wirklich bloß Nippes der Natur, hätten wir es gar nicht mehr im Leib, meint Putz: „Die Evolution ist ein extremer Sparmeister. Die schleppt nichts einfach so mit über Hunderttausende von Jahren.“

Ohne den Blinddarm hätten wir eine schwere Kindheit. Denn der Blinddarm – besser: der Wurmfortsatz, der Appendix – ist eine Art Grundschullehrer für Abwehrzellen. Mit seiner Hilfe lernt das Immunsystem, Gut von Böse zu unterscheiden, so wie unser Gehirn Rechnen und Schreiben lernt. Wenn das Immunsystem mit uns erwachsen geworden ist und fleißig gepaukt hat, braucht es den alten Lehrer nicht mehr. Ähnliche Biographien haben die Milz, die Mandeln und der Thymus, eine Drüse hinter dem Brustbein, geformt wie ein Lappen, etwa fünf mal zwei Zentimeter groß: in der Kindheit lebenswichtig, im Alter ausgedient. Aber der Körper kann sich diese Organe schlecht selbst herausschneiden, wenn deren Zeit vorbei ist.

Am Steißbein hing vor sehr langer Zeit ein Schwanz. Den haben die Menschen nicht mehr, das Steißbein schon – weil ein Bündel von Muskeln daran befestigt ist wie Schiffstaue. Zum Beispiel der Schließmuskel. Ohne Steiß hätte man Kontinenzprobleme. „Fragen Sie mal einen Besitzer von Hämorrhoiden, der kann Ihnen da stundenlang was erzählen“, sagt Professor Holger Preuschoft, Evolutionsforscher an der Universität Bochum. „Und ohne Steißbein würden Ihnen die Eingeweide einfach herausfallen.“

Aber: Es gibt doch ein paar Körperteile, die wirklich kein Mensch braucht. Männer könnten prima ohne Brustwarzen leben. Allerdings gehören die zum „morphologischen Modell“, erklärt Reinhard Putz: einem Grundmodell in der frühen Entwicklungsphase beim Fötus, in der alle Menschen gleich sind, bevor die Hormone sich daran machen, Mädchen oder Junge herauszuarbeiten. In dieser Zeit werden die Menschen mit den wichtigsten Bauteilen ausgestattet. Unter anderem mit Brustwarzen – auch wenn nur Frauen die später benutzen.

Auch Ohrenmuskeln dürfen als überflüssig gelten. Manche Primaten wie Urwaldpaviane und Makaken verständigen sich mit Ohrenbewegungen, Menschen machen das allenfalls noch als Partygag. Auf Haare könnte man ebenfalls verzichten. Allerdings gilt volles Kopfhaar als attraktiv, und wer attraktiv ist, hat größere Chancen, sich zu vermehren. Der Sinn von Schamhaaren und Achselhaaren liegt im Dunkeln wie die Büschel selbst – möglicherweise verteilen sie Körperdüfte, die uns mehr beeinflussen, als wir bewusst wahrnehmen. Zwei Nieren scheinen eine mehr als unbedingt notwendig zu sein, und die Leber dürfte getrost etwas schrumpfen.

Wenn die Evolution wirklich wach ist, Herr Putz, warum dann dieser Ballast?

Aber Reinhard Putz ist überzeugt: Die Natur weiß schon, was sie tut. Erst wenn ein Teil wirklich zu viel ist, verschwindet es. Die Weisheitszähne zum Beispiel, da sind sich die Anatomen einig, haben kaum noch eine Zukunft. Das liegt vermutlich daran, dass der Mensch sich im Vergleich zu früher bloß noch von Fast Food ernährt: Der Mensch kocht. Dadurch braucht er weniger Beißkraft. Das ändert die Mechanik des Schädels: die Zahnbögen weichen zurück, die Kinnspitze rückt vor, das Nasendach ragt heraus, und die Weisheitszähne haben nichts mehr zu zermalmen.

Aber in anderen Fällen können scheinbare Lasten des Körpers gleichzeitig lebensnotwendig sein. Die Sichelzellenanämie ist eine erbliche Blutkrankheit, aber ohne moderne Medizin ist sie ein Gegengift zur Malaria. Bestimmte Arten von Durchfall spülen Shigella-Bakterien fort. Angst und Schmerz sind ein Schutz vor Verletzungen. Der Hang zur Fettleibigkeit war einst unabdingbar: Als Kalorien knapp waren, stopften die Menschen in sich hinein, was sie an Fett und Zucker bekommen konnten – für schlechte Zeiten. Heute gibt es diese schlechten Zeiten in Industriestaaten bloß nicht mehr. Auch Trägheit war nötig, um Energie zu sparen. Das Gen für Mukoviszidose schützt möglicherweise vor lebensgefährlichem Durchfall und Asthma im Kindesalter.

Wer will da garantieren, dass wir ohne Ohrenmuskeln lächeln könnten? Oder dass die zweite Niere uns nicht doch in irgendeiner Lebensphase die Haut rettet? „Als ich studiert habe, waren die Kapitel über die Milz in den Lehrbüchern gerade mal zehn Zentimeter lang“, erzählt der Anatomieprofessor Putz. Und die Ärzte schnitten die Milz sorglos heraus. Die Medizin musste die Milz noch schätzen lernen. Erst wenn die Evolution etwas wegwirft, können wir sicher sein, dass es tatsächlich bloß Beiwerk gewesen ist.

Aber was die Körperteile angeht, die wir brauchen: Wie gut macht die Evolution ihren Job da? Etliche Menschen klagen über Rückenschmerzen, Kniebeschwerden, Senk-, Spreiz- und Plattfüße, Gicht und Arthrose. Es hat also den Anschein, als sei der Menschenkörper kaum besser als Billigmöbel, die nach ein paar Jahren quietschen und splittern.

Aber Reinhard Putz bleibt dabei: Der Mensch ist eine perfekte Konstruktion. Und zwar ist er, sagt Putz, genau wie ein Range Rover.

„Sie wollen ein Auto, das toll fährt – dann kaufen Sie sich einen Porsche. Wenn Sie da Ihre fünf Koffer und Ihre Familie nicht hineinbekommen, können Sie nicht sagen: Das ist ein schlechtes Auto. Sie wollen viel Platz – dann kaufen Sie sich einen Caravan. Der fährt aber nur 120. Und wenn Sie einen Kompromiss wollen, kaufen Sie vielleicht einen Range Rover.“ Das nämlich ist der Mensch: ein Kompromiss. „Denn was will der Mensch mit der Wirbelsäule tun?“ fragt Reinhard Putz in seinem feinen Tiroler Akzent, steht auf und krümmt seinen schlanken Körper. „Er will Lasten tragen. Aber“, Putz streckt sich und beugt sich, „er will auch Äpfel vom Baum holen und Steine aufheben. Deswegen ist die Wirbelsäule so stabil wie nötig und so mobil wie möglich.“ Dieser Grundsatz gilt für alle Gelenke, und er ist ein Widerspruch in sich. Denn natürlich müsste die Wirbelsäule fester gebaut sein, und flexibler müsste sie auch sein – aber beides geht nicht. Dafür schafft der Mensch Strecken von bis zu 50 Kilometern am Tag – und ist mit dieser Ausdauer einer der besten Geher im Tierreich.

Das zweite Problem mit den Knochen und Gelenken: Wir werden viel zu alt. „Ein ordentliches Lebewesen hält solange, wie es sich reproduzieren kann“, sagt der Evolutionsforscher Preuschoft, „alles andere ist Luxus.“ Soll heißen: Nach spätestens 40 Jahren ist die Uhr des Menschen eigentlich abgelaufen. Dann kann er sich kaum noch fortpflanzen, und ohne Fortpflanzung kein biologischer Daseinszweck. Aber der Mensch wird 70, 80 Jahre alt und in Zukunft noch älter. Das Max-Planck-Institut für demographische Forschung in Rostock hat errechnet, dass jedes zweite Mädchen und jeder dritte Junge, die heute geboren werden, in hundert Jahren noch leben. Der Mensch isst wenige Gifte, kämpft wenig mit Löwen und kennt wenige tödliche Krankheiten – anders als noch vor wenigen Jahrtausenden. Aber für dieses hohe Alter ist der Körper nicht gebaut. „Irgendwann gibt auch das beste System nach.“ Preuschoft weiß, wovon er spricht: In den großen Zehen zwickt die Arthrose.

Aber dass wir keine 50 Kilometer am Tag mehr laufen, dass wir viel sitzen, dass wir steinalt werden –kann die Evolution darauf nicht allmählich mal reagieren?

Kann sie nicht. Erstens reagiert die Evolution in epochenlanger Zeitlupe. Wenn Reinhard Putz voraussagt, die Weisheitszähne könnten bald verschwinden, dann meint er: in 500.000 oder einer Million Jahren. Aber so lange sitzen Menschen noch nicht träge im Büro. Zweitens geben Menschen ihr Erbgut weiter, wenn sie jung sind – woher soll die Natur da wissen, dass diese Menschen noch alt werden? Und woher soll sie wissen, unter was für Hüftschäden und Gichtfinger die Eltern ein paar Jahrzehnte nach der Zeugung leiden? Weil die Natur das nicht lernen kann, gibt es immer noch Ärger mit der Vorsteherdrüse. Die liegt um den Harnleiter und engt ihn bei manchen Männern ein – aber erst, wenn die so um die 60 Jahre alt sind.

Trotzdem: „Die Evolution steht nie still“, erklärt Putz. Die fortwährende Veränderung des Schädels und Kiefers belegt: Sie steht auch jetzt nicht still. Unsere fernen Nachfahren werden sicher anders aussehen als wir. Aber wie?

Von Cheeseburgern fett, vom Herumsitzen faul, vom Fernsehen halb blind?

Oder groß wie Basketballer, klug wie Nobelpreisträger, flink wie Wiesel?

Aber auf Voraussagen lässt der Anatomieprofessor sich nur ganz widerwillig ein und unter großem Vorbehalt. Denn Evolution reagiert auf Umweltbedingungen, und die Umweltbedingungen der Zukunft kennen wir nicht. Und sowieso, erklärt Putz, setzt sich eine Mutation, eine genetische Neuheit nur dann durch, wenn die große Mehrheit einer Art davon profitiert. Evolution ist Statistik. Solange nicht 90 Prozent der Menschheit fett und träge vor der Glotze hocken, ändert sich auch der Körper nicht. Aber wenn doch? „Dann würden wir wie Elefanten werden: Die Knochen würden dicker. Und sie wären dichter gefügt.“ Aber das sei unwahrscheinlich, glaubt Putz, denn unter so einer Lebensweise leiden die Organe und der Kreislauf, man stirbt jünger – und man ist weniger attraktiv als sportliche und gesunde Konkurrenten um die Fortpflanzung. Und nur was sich fortpflanzt, setzt sich durch.

Dafür gibt es wahrscheinlichere Varianten, was aus dem Menschen so wird. Zum Beispiel wird er seit langer Zeit immer größer. Das könnte so weitergehen, meint Putz. Aber gut möglich, dass das nicht passiert. Dann spielt vielleicht das Gelenksystem nicht mit, der Bauplan des Fußes passt nicht dazu, der Mensch wird zu unbeweglich, oder der Kreislauf pumpt nicht so hoch herauf – und so begrenzt sich das Wachstum selbst.

Dann das Gehirn. Das ist bei heutigen Menschen drei- bis viermal so groß wie das Gehirn unserer Vorfahren vor drei Millionen Jahren. Es ist neunmal so groß wie bei einem Säugetier unserer Größe zu erwarten wäre. Was, wenn es weiter wächst? Putz weiß keine Antwort. „Das ist ein Problem, mit dem die Natur bislang nicht zurechtkommt.“ Der Knackpunkt: Je größer das Gehirn, desto schwieriger wird die Geburt, einfach weil der Kopf nicht mehr durch den Geburtskanal passt. Aber dass die Evolution deswegen den Kaiserschnitt zum Standard macht und einen Ausgang durch den Bauch einbaut: Das sei absolut nicht denkbar, sagt Putz. Dafür sei der Vorgang zu komplex. Also dürfte sich auch hier die Sache von selbst erledigen: Irgendwann ist eine Grenze erreicht, und es überleben eher die Kinder mit gemäßigten Gehirnen.

Vielleicht die Augen. In Wahrnehmungsexperimenten sind Wissenschaftler vor einigen Jahren auf Frauen gestoßen, die mehr Farben sehen als andere. Falken und Bussarde können neben rot, grün und blau auch noch ultraviolettes Licht sehen – die Farbe etwa von Mäuseurin, dessen Spur die Raubvögel daher verfolgen können. Vielleicht sieht auch der Mensch irgendwann vier Grundfarben.

Oder die Haare. Reinhard Putz kann sich vorstellen: Wenn ein Meteorit auf die Erde schlägt, die Sonne verfinstert sich, und die Temperatur sinkt weltweit um zwei Grad Celsius – wenn das über lange Zeit so bleibt, dann wachsen den Menschen vielleicht wieder reichlich Haare. Oder es wird um zwei Grad wärmer: Dann verlieren wir die Haare vielleicht komplett. Und es überleben – und vermehren – sich diejenigen Menschen, die nicht so leicht an Hautkrebs erkranken. Aber das funktioniert nur, wenn sich praktisch die ganze Menschheit umstellen muss. Also bei Katastrophen durch Kriege und Klimawechsel.

Ansonsten hat es die Evolution schwer wie nie. Wer früher in seiner Höhle oder Nachbarshöhle kein Weib fand, weil er ihnen nicht aufrecht genug ging oder ihnen der pelzige Rücken missfiel, der starb kinderlos. Heute aber ist die Menschheit voller innerer Strömungen, wir wohnen in einem weltweiten Dorf, und das erhöht die Chancen aller. Es gilt nicht mehr der Grundsatz vom Survival of the fittest – wir nähern uns dem Survival of all. „Evolution im klassischen Sinn gibt es längst nicht mehr“, sagt Reinhard Putz, und er sagt es in dem Tonfall, in dem ein Christdemokrat von Adenauer spricht. Aber Putz bleibt ja sowieso dabei: Es gibt am Menschenkörper nichts zu verbessern.

Und was die Evolution nicht schafft oder nicht will, das erledigt der Mensch wohl sowieso bald selbst. Der genetische Code ist entschlüsselt, sämtliche Organe sind ersetzbar, die Präimplantationsdiagnostik ermöglicht Nachwuchs aus dem Katalog, Biotechniker träumen vom krankheitsimmunen und ewig jungen Menschen. Wenn die Evolution tatsächlich weiß, was sie tut, baut Menschenhand sich bloß eine schlechtere Ausgabe zusammen – oder es gehört zur Evolution, dass wir sie selbst übernehmen.

 

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