NEON Nr 3/2006, ausgezeichnet mit dem
J.
Henry Schroder Award 2006,
dem
DIA-Zukunftspreis 2006
und dem Medienpreis der AachenMünchener 2006
A bis Z: Die Altersvorsorge
Das Thema nervt, nervt, nervt. Wir nerven mit.
24 knappe Hinweise zur Altersvorsorge. Weil es ja doch sein muss.
von Marc Schürmann
Arm: Der Staat, die Eltern, die Werbung, alle
bleuen sie uns ein: Wenn wir nicht zusätzlich Geld in eine private Rente
stecken, enden wir als mittellose Greise, deren Selbsthass allein noch
größer ist als ihr Buckel, weil sie nicht zusätzlich Geld in eine private
Rente gesteckt haben, als sie noch jung waren. Dummerweise stimmt das.
Blüm: Norbert, Arbeitsminister von 1982 bis 1998. Er war der Mann, der
Deutschland vorgebetet hat: »Die Renten sind sicher.« Sicher ist aber nur,
dass wir überhaupt eine Rente kriegen. Wahrscheinlich eine ziemlich
niedrige. Das Problem ist erstens Arbeitslosigkeit, zweitens
Lebenserwartung, drittens Kindermangel. Gibt es a) viele Arbeitslose,
zahlen zu wenige Menschen in die Rentenkasse ein, also in den Topf, aus
dem die deutschen Rentner ihr Geld bekommen. Gibt es b) viele Rentner,
weil die Lebenserwartung Jahr um Jahr steigt, greifen zu viele Hände in
den Topf. Und gibt es c) zu wenige Kinder, müssen immer weniger
Beitragszahler immer mehr Rentner ernähren. Und deswegen brauchen wir auch
noch eine private Rente. Experten raten, sechs bis zehn Prozent des
Bruttoeinkommens fürs Alter anzulegen.
Chaos: Drei von vier Deutschen geben zu, dass sie die Welt der
Altersvorsorge verwirrend finden. Das ist wohl der Hauptgrund, warum sich
so viele - 40 Prozent - gar nicht erst drum kümmern. Obwohl fast alle
Befragten auch sagen, ihnen sei klar, dass sie ihren Lebensstandard ohne
privates Sparen später nicht halten können. Viele vernünftige Dinge im
Leben - Kinder, Job, Jobwechsel, Heirat, Scheidung, Enkel - passieren
irgendwie von alleine. Eine Privatrente leider nicht.
Drei: Das sind die drei Säulen der Altersvorsorge in Deutschland:
gesetzliche Rente, Betriebsvorsorge, private Rente. In die gesetzliche
Rente zahlt jeder Arbeitnehmer 9,75 Prozent seines Bruttolohns, der
Arbeitgeber schießt die gleiche Summe dazu. Mindestens fünf Jahre muss
jeder, der eine gesetzliche Rente will, in sie eingezahlt haben; je länger
er gezahlt hat, desto mehr Rente bekommt er. Die Betriebsvorsorge muss
jedes Unternehmen seit 2002 anbieten. Ihre häufigste Form ist die
Direktversicherung: Der Arbeitnehmer führt einen Teil seines Gehalts in
eine Betriebsrente ab, diesen Teil muss er nicht versteuern und bekommt
ihn recht gut verzinst. Private Vorsorge schließlich ist ein Baum mit
tausend Ästen: Investmentfonds, Kapitallebensversicherung,
Rentenversicherung, Gold, Dollar, Öl - gut ist alles, was das Geld
vermehrt. Fachleute beteuern außerdem ständig, die Riester-Rente werde
unterschätzt: Wer drei Prozent seines Bruttoeinkommens spart, dem schenkt
der Staat 114 Euro plus 138 Euro für jedes Kind. Außerdem lassen sich die
Rentenbeiträge steuerlich absetzen. Die Riester-Rente gibt es bei Banken,
Versicherungen und Fondsgesellschaften, und zwar als Banksparplan,
Rentenversicherung oder Fonds. Jungen Leuten raten Experten am ehesten zu
einem Fonds.
Erben: Ja, das ist natürlich auch eine Möglichkeit.
Formel: In einem Rentenbescheid stehen oft lustige Sätze, zum Beispiel
der, man hätte einen Rentenanspruch von - Posaunen! Konfetti! - 130,65
Euro im Monat. So kommt die Rentenkasse darauf: Beitragsjahre mal
Entgeltpunkte mal Rentenwert. Ein Durchschnittsverdiener (derzeit knapp 30
000 Euro brutto im Westen, 25 000 Euro im Osten) bekommt pro Jahr, das er
in die Rente zahlt, 1,0 Entgeltpunkte; verdient er zum Beispiel zehn
Prozent mehr oder weniger, sind es 0,9 oder 1,1 Punkte. Der Rentenwert,
eine pauschale Rechengröße, liegt bei 26,13 Euro pro Monat im Westen und
22,97 Euro im Osten. Also bekommt ein Durchschnittsverdiener nach 40
Jahren Arbeit im Westen: 40 x 1,0 x 26,13 = 1 045,20 Euro pro Monat; plus,
na ja, eventuelle Rentenerhöhungen. Und wer erst fünf Jahre eingezahlt
hat, würde nur jene 130,65 Euro kriegen.
Garantierente: In einem privaten Versicherungsvertrag sollte stehen, wie
viel man später auf jeden Fall herausbekommt. Der Mindestzins liegt
derzeit bei 2,75 Prozent. In ihren Modellrechnungen schwärmen
Versicherungsvertreter aber lieber von wundersamen Renditen - man könnte
sagen: unverbindlichen Zinsen - von sieben, neun, elf Prozent. Das ist,
als würde Jürgen Klinsmann die WM so durchplanen, dass Deutschland in
jedem Spiel schon mal drei Tore schießt. Kann passieren, nur sollte man
sich vielleicht nicht drauf verlassen. Aber auch realistische Renditen
lesen sich hübsch, wenn man früh anfängt zu sparen: Wer zehn Jahre lang
jeden Monat 100 Euro zu fünf Prozent Rendite anlegt, hat am Ende 15 502
Euro gespart, aber nur 12 000 Euro eingezahlt. Nach 40 Jahren sind es 148
886 für 48 000.
Haltungsfrage: Altersvorsorge ist nicht cool, egal was die Werbung uns
erzählen will. Aber peinlich muss sie einem auch nicht gleich sein, man
baut ja nur eine private Rente auf und kein Schützenheim. Unter Freunden
gibt es dazu für gewöhnlich drei Grundhaltungen: Der ganz frühe Vogel: hat
sein erstes Geld schon mit vier im Kaufmannsladen zurückgelegt. Empfindet
die Jugend als lästige Wartezeit.
Der Winterschläfer: findet Sparpläne aggressiv. Hat bis zur Rente noch
Zeit. Will sich dann was überlegen.
Der Maulwurf: hat eine private Altersvorsorge und eine
Berufsunfähigkeitsversicherung. Glaubt er. Oder sein Vater hat mal was für
ihn abgeschlossen. Müsste man mal nachsehen. Weiß nur nicht wo.
Indexpapiere: Eine Geldanlage, die auf lange Sicht neun von zehn
Fondsmanagern oder Vermögensverwaltern überlegen sein soll. Weil bei
Indexpapieren weniger Aufschläge für sie abfallen als bei anderen Fonds,
sprechen die Finanzanbieter aber selten davon.
Jargon: Grftzr, ghrrtzf ujöitgir efevus akokba asch. Elhihä! Bmmpf glmmpf.
Das könnten die Versicherer so in ihre Broschüren schreiben - es wäre
genauso erhellend wie »Kapitaldeckungsverfahren«,
»Altersvermögensergänzungsgesetz« oder »Inhaberschuldverschreibungen«.
Kein Wunder, dass das Zeug keiner liest. Wahrscheinlich verstehen die
Versicherungsmenschen ihre Sprache selbst nicht, denken aber, alle anderen
Versicherungsmenschen verstehen sie, und tun unser Geld irgendwohin.
Wenn's dabei mehr wird, auch okay.
Kaufkraft: Du sparst so viel, dass du in 40 Jahren 1000 Euro Rente im
Monat bekommst? Dann gib am Kaugummiautomaten mal nicht alles auf einmal
aus ... ganz so schlimm ist es zwar nicht mit der Inflation, aber: 1000
Euro heute entsprechen - bei einer jährlichen Inflationsrate von 1,5
Prozent - nur 551,26 Euro im Jahr 2046. Mehr Rente kommt nur heraus, wenn
es auch mal wieder eine Rentenerhöhung gibt - und nicht immer nur
>Nullrunden.
Liebe: Beim Antrag auf eine private Rentenversicherung oder auf eine
Kapitallebensversicherung muss man in eine Zeile eintragen, wer das Geld
bekommen soll, wenn man vorzeitig stirbt. In dem Augenblick merkt man oft
erst selbst, wie ernst man es mit dem Partner meint.
Minijob: Wer bis 400 Euro im Monat verdient, zum Beispiel als Kellner oder
Zeitungsbote, muss nichts in die gesetzliche Rentenkasse zahlen. Der
Arbeitgeber schon, und zwar zwölf Prozent Zuschlag. Viel bringt das
natürlich nicht: Wer ein Jahr lang genau 400 Euro im Monat verdient, hat
damit einen Anspruch auf 2,64 Euro Monatsrente.
Nullrunde: Vor zwei Jahren gab es die erste Nullrunde in der Geschichte
der gesetzlichen Rentenversicherung. 2005 folgte die nächste, diesen
Sommer die dritte, und nichts deutet darauf hin, dass die Rente in den
kommenden Jahren mal wieder steigt. Dafür, betonen die Politiker, wird sie
wenigstens auch nicht gekürzt. Wird sie aber eigentlich schon, weil ja
jedes Jahr die >Kaufkraft sinkt und dadurch der Wert der Rente.
Ordnen: Wenn wir endlich eine Altersvorsorge abgeschlossen und die
Unterlagen abgeheftet haben, könnten wir meinen, wir hätten die Sache
geordnet. In Wahrheit aber ordnet die Sache uns. Geld weglegen, das man
genausogut ausgeben könnte, sich darum sorgen, wie es einem in 40 Jahren
gehen mag, womöglich auch noch den Kindern: Willkommen im Leben.
Palmen: Wer im Ausland arbeitet, zahlt zunächst weiter in die deutsche
Rentenkasse. Bleibt er viele Jahre fort, muss er Beiträge an das jeweilige
Land abführen, bekommt aus dem Land später aber auch eine Rente. Und wer
sich erst im Alter entschließt, nach Madagaskar auszuwandern: Der
deutschen Rentenkasse ist es egal, wohin sie die Rente überweist.
Querbeet: Das Beruhigende an all den vielen Vorsorgevarianten, immerhin:
Man muss sich nicht für eine allein entscheiden. Ob man je 50 Euro in drei
verschiedene Anlagen zu je fünf Prozent Rendite steckt oder 150 in eine,
ist dem Gewinn egal. Also kann Riester plus Direktversicherung plus
private Rente durchaus klug sein. Oder plus langer Abend in der
Cocktailbar. Man muss sich ja nicht gleich jeden Spaß im Leben fürs Alter
aufsparen.
Regen: Bei Kapitallebens- und privaten Rentenversicherungen kann man oft
im Alter wählen, ob man eine Monatsrente oder lieber den ganzen Geldregen
auf einmal haben will. Das könnte man jetzt, Jahrzehnte vorher, auch noch
gar nicht entscheiden - schließlich weiß keiner, was er mit dem Geld dann
vorhat und wie gesund er sich noch fühlt.
Service: Gute Adressen für Infos und Modellrechnungen:
www.einsurance.de www.ihre-vorsorge.de,
www.dia-vorsorge.de,
www.finanztest.de.
Tilt: Ein falscher Ruck beim Squash, ein blöder Fahrradunfall, eine
unerklärliche Depression: Man muss nicht gleich querschnittsgelähmt sein,
um eine Rente für die Berufsunfähigkeit zu brauchen. Das kann tatsächlich
jedem passieren. Also unbedingt versichern - auch wenn man da kaum für
unter 50 Euro im Monat wegkommt.
Uni: Bisher tat der Staat so, als würden Studenten voll arbeiten: Die
Jahre an der Uni oder Fachhochschule wurden wie bei Arbeitnehmern als
Beitragsjahre gewertet, obwohl kaum ein Student so viel verdient, dass er
in die gesetzliche Rentenkasse zahlt. Dieses Geschenk ist gestrichen. Wer
nach fünf Jahren Studium mit 30 seine erste Stelle antritt und mit 65 in
Rente geht, bekommt also 35 Beitragsjahre gutgeschrieben statt wie bisher
40. Einen Durchschnittsverdiener kostet dieser Unterschied gut 130 Euro
Rente im Monat.
Vertreter: Jeder gute Berater nimmt sich Zeit und lässt sich erklären, was
genau der Kunde mit seinem Geld und seinem Leben eigentlich anfangen will.
Dass ein Mitarbeiter der Dresdner Bank nur Angebote der Dresdner Bank
empfiehlt, hat seine Ordnung; ein seriöser freier Makler nennt aber immer
mehrere Anbieter. Bei Fragen zur gesetzlichen Rente helfen sogenannte »Versichertenälteste«
bei der Deutschen Rentenversicherung - ehrenamtlich und kostenlos.
Was Eigenes: Baum pflanzen, Kind zeugen, Haus kaufen - so klingt gediegene
Vorsorge. Bloß: Man zahlt fürs eigene Haus zwar keine Miete, aber dafür
das neue Dach, wenn der Sturm es weggefegt hat, man ärgert sich mit
Mietern herum, neue Umgehungsstraßen werden ja auch gerne mal gebaut, und
weil immer weniger Kinder geboren werden, gibt es später wohl auch weniger
mögliche Mieter oder Käufer. Deswegen taugt eine Immobilie am besten für
Menschen, die auch drin wohnen wollen.
Zeit: Ehrlich, nach einer Weile gewöhnt man sich dran, dass Monat für
Monat schönes Geld in irgendeine abstrakte Versicherungskasse wegfließt.
Und das Gefühl, so etwas Lästiges endlich erledigt zu haben, und das
immerhin so früh, dass es sich auch lohnt - es ist ein gutes Gefühl.
zurück
|