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marc schürmann |
| Neue Zürcher Zeitung vom 31.03.01 Und irgendwo lebt es doch noch, das Latein von Marc Schürmann Schwer
zu sagen, wie es klingt. Wenn der Professor spricht, so schnell und flüssig,
ohne sich je zu verbessern, mit dem singenden Tonfall und der beschwörenden
Mimik eines Märchenonkels, dann klingt es, ungefähr, als würde ein fröhlicher
Tscheche Italienisch sprechen. Viele Vokale, viele u-s und i-s und o-s,
das macht die Sätze hell und melodiös, aber auch massenhaft gerollte
r-s und harte k-s. So klingt das jedenfalls, wenn Wilfried Stroh redet,
der Münchner Professor, der als bester Lateinsprecher der Welt gilt,
und der hält sich an reines Cicero-Latein - rund 2000 Jahre nach
Ciceros Tod. Stroh
ist ein mittelgroßer Mann, 60 Jahre alt, mit zerzaustem Haar und
Schnurrbart. Sein labbriges T-Shirt zeigt eine antike römische Münze.
Strohs Studenten folgen ihm angestrengt, wie er vorne am Pult steht, mit
seinen Armen durch die Luft rührt und begeistert grinst, wenn er was
sagt. Was das ist, versteht zumindest ein Teil der rund zwei Dutzend
Studenten, die eigentlich nicht alle in den stickigen Seminarraum
passen: Einige melden sich hie und da und quetschen lateinische Sätze
aus sich heraus. "Cur
igitur Romulus deus creditus est a populo? num senatores eum sic
iusserunt facere?" "Narrat
Livius, äh, virum quendam fuisse, qui, ähm, dixit Romulum sibi ut deum
apparuisse, äh, in via." Das
ist eine Diskussion darüber, warum Romulus nach seinem Tod als Gott
begrüßt wird. Auf Lateinisch, mündlich. Strohs Ruf unter den
Philologen ist Legende, daher zieht er zu seinen wöchentlichen
Seminaren zum Lateinsprechen an der Uni München ziemlich viele
Studenten an - zwei Dutzend sind viele in einem Fach, das überhaupt
kaum noch jemand studiert. Zu Stroh kommen auch ein paar Senioren, außerdem
Studenten aus anderen Fachrichtungen. Außerhalb
der Lateiner-Hochburg München gibt es in Deutschland noch an einer
Handvoll anderen Unis solche Diskussionskurse, dann noch ein paar
Vereine und Zirkel, die sich manchmal zum Lateinsprechen treffen. In der
Schweiz hält die Zeitschrift "Rumor Varius" ("Die andere
Stimme der Öffentlichkeit") die Liebhaber der Römersprache mit
frischen Texten zusammen, etwa lateinischen Formel-1-Berichten und
Kreuzworträtseln. Manche Schullehrer streuen Konversationsübungen in
ihre Lehrpläne ein. Und Lateiner von der Uni Saarbrücken veranstalten
jährlich Sprechseminare in Morschach am Vierwaldstätter See, Kanton
Schwyz. Die
Versuche von weltweit verbreiteten Lateinvereinen, die tote Sprache künstlich
zu beatmen, sind mitunter richtig drollig: Im Internet steht eine
lateinische Fahrplanauskunft (http://www.efa.de/bin/xefa_www.exe). Die
finnische Radiostation YLE sendet wöchentlich, fünf Minuten lang,
Nachrichten auf Latein (auch im Internet abrufbar unter http://www.yle.fi/fbc/latini/recitatio.html).
Der Vatikan gibt aktualisierte Lateinlexika heraus, um die Sprache
modern zu halten: Der Babysitter ist ein puerorum custos, der
Zeichentrickfilm ein imaguncula Disneyana. Aber
stopp, Augenblick, es geht hier doch um die wohl meistverabscheute
Sprache der Welt - wenn Latein nicht schon eine tote Sprache wäre, die
meisten Schüler würden ihr den Tod wünschen. Gerundium, AcI, PPP, De
bello gallico, oder gallicum? Furchtbar. Und dann, lange Zeit nach der
Schule? Ach. Jahreszahlen in Kircheninschriften, das geht noch, M ist
tausend und L 50 und XC 90. Aber sonst ist alles weg, wahrscheinlich
verdrängt nach all der Qual mit mindestens zweitausend Jahre alten
Auslassungen von Caesar oder Seneca oder Ovid, auf der ständigen Flucht
vor dem Ablativ. Warum
also gerade Latein? Was treibt erwachsene Menschen dazu, diese
ausgestorbene Sprache zu erhalten, sie sogar mündlich zu nutzen und zu
verkünden, Latein sei gar nicht tot? "Ich hatte es neun Jahre auf
der Schule, da wär's ja schade, damit gar nichts mehr zu machen",
sagt ein 21-jähriger Münchner Student. "Ich habe es auf der
Schule gehasst, aber jetzt schätze ich Latein als grundlegende
Bildungssprache", sagt ein 80-jähriger Kursteilnehmer.
"Latein erweitert den Horizont. Und die Sprache ist von
einzigartiger Schönheit" - sagt Wilfried Stroh. Der
Münchner Professor ist nicht nur der berühmteste Lateinsprecher, er
tritt auch wie ein Marketing-Chef der Sprache auf: Stroh veranstaltet
Theaterstücke auf Lateinisch, hält lateinische Eröffnungsreden bei
Ausstellungen, trägt römische Texte bei Lesungen vor, kündigte einen
Kinofilm in Originalsprache an - mit ihm selbst in der Rolle des Cicero
(mit deutschen Untertiteln, immerhin). Besonders öffentlichkeitswirksam
war vor einigen Jahren seine "Flughafenverfluchung", als Stroh
sich in eine Toga wickelte, mit Umweltschützern hinausging und nach
altrömischer Sitte den neuen Münchner Flughafen rüde beschimpfte.
Dabei ist der Professor doch gerade vom "wunderbaren
Wohlklang" des Lateinischen so angetan. Und
der Nutzen? Latein habe keinen, gibt Stroh zu, nicht im Sinne von
heutigen Sprachen jedenfalls. Andere Liebhaber des lebendig gehaltenen
Lateins verteidigen ihre Hobby-Sprache härter. "Latein ist eine
Kommunikationssprache wie jede andere moderne Sprache auch", meint
etwa die Saarbrücker Wissenschaftlerin Sigrid Albert, die jene
Lateinkurse in Morschach mitveranstaltet. Viele Staaten, gerade in
Osteuropa, seien bemüht, Latein zu pflegen, auch als Gegenpol zur Übermacht
des Englischen. Und auf den Seminaren "sollen sich die Leute ja über
Alltägliches und Modernes unterhalten, über Kampfhunde und Internet,
und nicht bloß über Philosophisches und Rhetorisches". Wenn das
Sprachlexikon aus dem Vatikan mal nicht hilft oder staksige Begriffe
anbietet, "bei denen ich mir einen Knoten in den Hals rede",
überlegt sich Albert selbst griffige Übersetzungen: Der Computer ist
das ordinatrum (Instrument, das etwas ordnet), das Handy ist das
telephonulum gestabile - das kleine tragbare Telefon. Als
internationale Sprache soll Latein dienen, verkündet Sigrid Albert
also, und immerhin: Die Vokabeln sind nicht das Problem. Wenn nicht klar
ist, was Internet heißt, "dann umschreiben Sie halt einfach".
Heikel wird es aber beim Sprechen. Denn im Schulunterricht gilt immer
noch die bequeme Regel: Latein wird gesprochen, wie man's schreibt. Da
dieser Grundsatz auch in anderen Ländern gilt, konnte früher auf
wissenschaftlichen Philologen-Kongressen kein Franzose einen Engländer
verstehen, der am Rednerpult Latein sprach. Zu Caesar sagt der Schweizer
Zäsar, der Franzose Säsaar, der Engländer Kässarr. Daher
gibt es seit einiger Zeit ein Übereinkommen zur einheitlichen
Aussprache des Latein, zusammengeflickt aus griechischen Texten über
die Sprechweise der Römer und aus Phonetikbüchern aus dem ersten
Jahrhundert. Aus einem solchen Buch weiß man zum Beispiel, wie das R zu
sprechen ist: "Entweder die Zungenspitze vibriert gegen den Gaumen
oder das Halszäpfchen wackelt hin und her." Gemeint ist: Man rolle
das R. Außerdem: Ein h wird nicht mitgesprochen, wenn es nach
Konsonanten steht. Das v spricht sich wie das w im Englischen, das c als
k, und zwei Vokale hintereinander spricht man einzeln. Also heißt
Caesar Ka-esar - und das klingt tatsächlich schon fast wie Kaiser. Nun
ist Latein also auf dem neuesten Stand, sozusagen, aber die Zukunft? Düster.
Latein steht an den Schulen hinter Englisch und Französisch schon seit
längerer Zeit zurück. Im Zuge der globalen Wirtschaft drängen auch
Japanisch, Cinesisch, Spanisch auf die Lehrpläne. Und außerdem, auch
wenn die Lateiner das nur widerwillig zugeben: Es gibt ein
Nachwuchsproblem. In der Schweiz rückt im Grunde gar keine Jugend mehr
nach in die Kreise der Hobby-Römer. International und auch in
Deutschland sieht das etwas besser aus, aber auch nicht gerade rosig. Wilfried
Stroh macht sich trotzdem keine Sorgen, er selbst hat ja auch immer
wieder neuen Nachwuchs in seinen Kursen. Und trotzdem, manchmal, da träumt
auch er sich zurück in die Antike, als Latein noch Weltsprache war
(gemessen daran, was man seinerzeit unter Welt verstand), als alle so
sprachen, wie es heute außer ihm fast keiner kann. Dann sieht sich
Stroh dort als Politiker, selbstverständlich, als echter Römer komme
nur Politiker in Frage, und dann Reden halten auf dem Forum Maximum.
Strohs einzige Sorge: die Toga. "Die ist höchst unpraktisch. Man
braucht mindestens einen Sklaven, um die anzuziehen, und wenn die Toga
verrutscht - das ist das Schlimmste, was einem Römer passieren
kann."
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